Skills

Skill Set 1: Hack the system

Naivität und Neugier

Es gibt einen Konstruktionsfehler in der alten, starren Corporate Welt: Es kommen diejenigen nach oben, die das System am besten bedienen. Und von dem Moment an, wo sie oben sind, verstärken sie die Prämisse des Systems: dieses genauso unverändert zu bewahren wie Ihre Stellung. Das Ergebnis: Stillstand. Das war auch lange Zeit in Ordnung; in den Jahrhunderten des Industrie- und Organisationszeitalters, in denen es um Optimierung und Skalierung ging. Doch im Digitalzeitalter gibt es einen mächtigen Paradigmenwechsel: statt Besitzstandswahrung zählt jetzt vor allem die Fähigkeit, sich zu verändern. Das ergibt natürlich eine völlig andere Anforderung an Führung. Führung im Digitalzeitalter ist – durch die alte Brille betrachtet – also paradoxes Handeln: Jede Veränderung, die man herbeiführt, gefährdet die eigene Stellung. In der neuen Sichtweise könnte man es aber auch so sehen: Neue Leader wollen und wagen den Sprung ins Ungewisse. Dazu braucht es in gewissem Maß sogar einen Schuss Naivität. Aus der Offenheit der Naivität kann man das System mit neuen Augen betrachten, verstehen und verändern.

Verstand und Mut

Der nächste Schritt ist elementar: statt aus der Naivität heraus in wilden, romantischen Aktionismus zu verfallen, ist es im Gegenteil wichtig, mit scharfem Verstand die Risse im bestehenden System zu erkennen und mit Mut an diesen Stellen anzusetzen. Das Bild, das ich dabei immer vor Augen habe, ist Holz hacken. Beim Holzhacken kommt man nicht weit, wenn man wie wild mit der Axt auf dicke Holzscheite eindrischt. Vielmehr geht es auch hier darum, die Struktur des Holzes zu betrachten und den Riss zu finden; mit einem gezielten Schlag zu treffen und den Scheit zu spalten.

There is a crack in everything – that’s how the light gets in.

Der richtige Krafteinsatz

Choose Your Battle: Das hat auch etwas mit klugem Krafteinsatz zu tun. Es geht nicht darum, gegen Windmühlen zu kämpfen. Sondern abzuwägen, an der richtigen Stelle im System und im richtigen Moment einzuwirken. Die alte Redensart “Choose your battle” bleibt also auch im Digitalzeitalter relevant, aber etwas ändert sich fundamental: Früher beschrieb sie die Taktik, um im System zu surfen. Heute bedeutet sie nichts anderes, als den Riss im Holzscheit zu finden – und zu nutzen.

Integrität

Wenn man an der richtigen Stelle ansetzt – eine Intervention startet, eine gezielte Veränderung im Verhalten herbeiführt, eine Regel bricht  – tut sich ein Freiraum auf. Innerhalb der Corporate Structure kann beispielsweise der symbolische Akt, die eigene Team-Arbeitsfläche zu gestalten, Tische umzustellen oder Grünpflanzen anzuschaffen, durchaus zu einem Konflikt mit dem mächtigen Corporate Facility Management führen, der durch die Hierarchien rasch nach oben eskaliert. In solchen Situationen gibt die innere Haltung Stabilität: Denn der entstandene Freiraum ist nicht Selbstzweck, um eine Revolution anzuzetteln; sondern ein Zeichen tiefer Integrität, nämlich Verantwortung für den eigenen Schaffens- und Lebensraum zu übernehmen. Diese Integrität strahlt aber nicht nur nach Außen ab, sondern auch nach Innen: das Team, das diesen Freiraum bevölkert, wächst innerlich an derselben Eigenverantwortung.

Leader des Digitalzeitalters finden sich oft in dem Dilemma, dass die Ziele ihres Teams mit den Anforderungen der Organisation kollidieren – ein Dilemma, das nur mit Integrität zu lösen ist. Beispiel: ein Entwicklerteam, dessen Fertigstellung des Prototypen auf Grund der Anzahl an internen Meetings mit anderen Abteilungen in Gefahr gerät. Der Weg des Leaders kann in diesem Fall nicht sein, die Entwickler anzutreiben, sondern klar zu priorisieren: dem Entwicklerteam den Rücken freizuschaufeln und alle internen Meetings abzusagen, auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen. 

Integrität im Digitalzeitalter kann eben paradox sein – und Kollegialität muss neu bewertet werden, genau anders herum, als wir von unseren Mentoren gelernt haben: der unkollegialste Akt ist, es allen recht zu machen; und der kollegialste Akt ist, sich unbeliebt zu machen – zu Gunsten des großen, gemeinsamen Ziels, das innerhalb des überkomplexen Systems sonst unmöglich zu erreichen wäre.