Skills

Skill Set 2: Protect the idea

Intuition und Gespür

Wenn Freiraum im System entsteht, entsteht automatisch ein Vakuum, neuer Gestaltungsspielraum – und der ist erstmal leer. Leader im Digitalzeitalter brauchen Gespür, um diesen Raum, in dem etwas entstehen kann, erstmal sein zu lassen und eine Zeitlang zu betrachten. Ich denke dabei an das Bild einer leeren Wohnung, in die du – statt mit einem riesigen Hausrat einzuziehen und damit dein altes Leben gleich wieder in den neuen Raum zu projizieren – erstmal ohne Möbel einziehst. Am nächsten Morgen suchst du mit dem ersten Kaffee in der Hand einen geeigneten Platz. Da fällt dir auf, dass durch ein Fenster die Morgensonne herein scheint, also setzt du dich an der Stelle auf den Boden, um deinen Kaffee zu trinken. Da sich dieses Bedürfnis jeden Morgen wiederholt, kaufst du einen kleinen Sessel mit einem Beistelltischchen und stellst ihn genau dorthin. Das erste Möbelstück ist angekommen, und so wächst du Schritt für Schritt in den Raum hinein. Und mit den neuen Möbeln etabliert sich dein neuer Habitus – organisch von Innen nach Außen, vom Bedürfnis zur Lösung. Die Eigenschaft, die Leader dafür brauchen, ist Intuition – das Gegenteil von hartem Corporate Controlling.

Ein Kraftfeld aufspannen

Paradoxerweise müssen Leader im Digitalzeitalter hier zwei gegensätzliche Skills mitbringen: Weichheit nach innen, in den Raum hinein, dass etwas entstehen kann. Mit einer stoischen Zähigkeit nach Außen ein Kraftfeldaufspannen, halten und verteidigen, um das System entschlossen abzublocken. Es geht darum, diesen Raum zum Leben zu erwecken – nicht darum, für ihn sofort ein Konzept zu entwickeln. Denn eine der Wahrheiten des Digitalzeitalters ist, dass das alte System zu jeder Zeit versucht, neue Freiräume wieder zu überwuchern. Deshalb müssen Leader im Digitalzeitalter es aushalten, dem Industriezeitalter-Modus zu widerstehen: zu “planen”, zu “skalieren”, zu “reglementieren”, zu “konzipieren”, zu “systematisieren” und zu “liefern” – das würde die Freiräume gleich wieder verschließen. 

Ein weiteres Geheimnis des Digitalzeitalters ist, dass es entscheidend ist, an der Durchlässigkeit der Membran zu arbeiten, die den Raum umgibt und ihn zum Corporate System abgrenzt. Das Bild, das diesen Modus für mich sehr plastisch wiedergibt, ist das einer Seifenblase: Das System drückt von außen (wie der Luftdruck der Atmosphäre auf die Erde). Innen ist wenig Druck (fast ein Vakuum). Leader verkörpern die Membran, sie geben der Membran ihre Steifigkeit, und sie müssen dafür sorgen dass die Membran durchlässig ist. Denn das bedeutet, sie bewusst zu gestalten: Wer oder was dringt ein über diesen Threshold? Und wer oder was fließt wieder nach Außen? Unser “Artists in residence”-Programm war genau dafür angelegt, einen temporären Impuls von Menschen innerhalb der Membran zu haben – und sie danach als Alumni, Fürsprecher und Unterstützer zurück in die Welt zu entlassen.

Sinn stiften

Um den Raum nach und nach zu füllen, brauchen Führungskräfte einen weiteren Skill: Sinn stiften. Sie müssen immer die Intention verkörpern, den Daseinszweck des Raums und seine Bedeutung. Und dann Geduld haben, bis das ‘Was’ und ‘Wie’ sich zeigen und verstetigen. Sie brauchen eine gute Metageschichte, die sie authentisch erzählen können, das ‘Warum’ – besonders wenn die Fragen lauter werden, was da eigentlich vor sich geht. In diesem Ambiente kann etwas wachsen und gedeihen; man kann Leute einladen mitzudenken, Unterstützer und Gleichgesinnte drum herum ansiedeln, langsam mehr Leute hinzuziehen.